Zur rechten Zeit

SEINE Sicht

Oft heißt es ja, dass man in der Retrospektive genau zur richtigen Zeit dies oder jenes gemacht hat oder dies oder jenes geschehen ist. Lene und ich sind mitten drin. In einer Schwangerschaft, von der wir bis ca. Anfang März dachten: Genau zur rechten Zeit! Mit dem Geburtstermin in Juni bedeutet das, dass wir zwischen zwei Cambio-Kursen das Kind bekommen. Auf Gran Canaria in unserer neuen Wohnung, nach unserem Deutschlandaufenthalt. Sogar das Skifahren um Neujahr ist sowohl letztes als auch wieder dieses Jahr für Lene drin, was für unser seelisches Wohl sehr förderlich ist.

Und dann – kam Corona.
Der Rückflug nach Gran Canaria mitte April fällt aus. Unsicherheit auf der ganzen Welt, keiner weiß, was nächste Woche passiert. Wir sind seid 12 Wochen nur auf Achse im sogenannten Besuchsdienst, ohne festen Wohnsitz, immerhin mit Firmenwagen. Wir sehnen uns so langsam nach unserem zu Hause. Das ist aber irgendwo mitten im Atlantik auf einer Insel. Also sitzen wir dem Kontaktverbot geschuldet seit einigen Wochen erst bei Lenes Eltern fest, dann bei meinen (was jetzt nicht sooo schlimm ist, aber ab und an doch anstrengend). Einreisen dürfen wir nur, wenn wir auf der Insel gemeldet sind – das wollten wir aber erst machen, wenn wir wieder dort sind. Mist.

Dubiose Internetseiten werden auf spanisch durchforstet. Das muss doch irgendwie auch online gehen? Schwierig. Alternative Pläne werden geschmiedet. Deadlines werden festgelegt, bis wann wir versuchen, einen Flieger zu bekommen, und ab wann wir uns mit der Alternative anfreunden, das Kind in Deutschland zu bekommen. Im Hinterkopf immer das Szenario: Auf Gran Canaria würde die Geburt wahrscheinlich (vor allem sprachlich) schwieriger werden, aber dafür ist das Drumherum angenehmer, weil wir bei uns zu Hause sind (#nestbau). Eigene Wohnung, alle Babysachen, unsere eigene Sommerkleidung (zur Erinnerung: wir wollten eigentlich nur bis Mitte April in Deutschland sein). Dafür wäre die Geburt an sich in Deutschland leichter, aber wir müssten uns kurzfristig für zwei Monate eine möbilierte Wohnung organisieren, in der Nähe des Geburtshauses. Außerdem müssten wir uns Klamotten zusammenleihen. Immerhin haben wir hier schon einen Maxicosi und nen Kinderwagen. Und Freunde und Familie, die uns in allem unterstützen.

In all dem Gottes Führung zu sehen (bzw. zu finden) und darauf zu vertrauen, dass er das Beste will, ist ehrlich gesagt nicht leicht. Gut, dass Gott selbst weiß, wie sich das anfühlt, wenn man zur Geburt nicht zu Hause sein kann, sondern in eine behelfsmäßige Bleibe muss (und da haben wir es allemal besser, als in einem Stall zu wohnen und vorher 150km auf einem Esel geritten zu sein)! Inzwischen haben wir uns entschieden (bzw. wurde von der Fluggesellschaft entschieden), dass wir über die Geburt bis mindestens Ende Juni in Deutschland bleiben. Eine kleine Wohnung steht bereit, die bei weitem besser ist als ein Stall.

Meine Hoffnung ist, dass wir in der Retrospektive sagen können: Damals, als unser erstes Kind gekommen ist, da ist inmitten der Krise alles genau zur richtigen Zeit geschehen. Mut gemacht hat mir da ein Vers in der Bibel, den ich heute morgen gelesen habe:

"Wachet, steht im Glauben, seid mutig und stark!"
[1. Korintherbrief 16,13]
Tobi
alias junger Vadder

Danke für all Eure Unterstützung, Eure Gebete und Eure Ermutigung!

 

 

IHRE Sicht

Seit meiner Kindheit war ‚Mutter werden‘ in mein Lebenskonzept integriert. Das Vorbild meiner eigenen Familie, dreifache Mutter vor dreißig zu werden, passte ich über die Jahre immer wieder an. Durch das Abi und die ein oder andere emanzipierte Phase verschob sich der Fokus erstmal auf mein Studium (in dieser Zeit  fehlte ehrlich gesagt auch der passende Mann, um das Projekt ‚Mutter werden‘ anzugehen.) Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich auch vom Körperkult unserer Gesellschaft und meinem eigenen Ehrgeiz davon abhalten lassen, eine vorrübergehende Kugelform meines Körpers akzeptieren zu wollen und meine sportliche Leistungsfähigkeit durch eine Schwangerschaft einschränken zu lassen. Klingt selbstverliebt und schrecklich selbstbestimmt – willkommen in der Generation Y.

Bei unserer Ausreise nach Gran Canaria stand für Tobi und mich bezüglich der Familienplanung fest: Erstmal abwarten. Der erste Job, dazu in einem fremden Land und mit eher wenig geregelten Arbeitszeiten, da wollten wir uns erst einleben, bevor wir unser Leben mit einem Baby als eine weitere Herausforderung ergänzen. Auch hatten wir den Gedanken im Hinterkopf, dass jede Schwangerschaft Risiken mit sich bringt, die körperlich und emotional so belastend sein können, dass sie unserem Beruf/ unserer Berufung im Weg stehen könnten. 

Wer jetzt fix im Kopf zurückrechnet und überschlägt – richtig – dieser Vorsatz hat ziemlich genau vier Wochen gehalten. Wie kam es dazu? Einerseit haben wir bei unseren Kollegen gesehen, dass das Argument ‚Job‘ nicht stichhaltig ist. Die Arbeit bei Cambio ist schlichtweg ideal mit einem Familienleben vereinbar. Und der Punkt mit der Berufung, da haben wir tatsächlich Gott den Ball zugespielt und ihn darum gebeten, zu seiner  Zeit sein ‚OK‘ dazuzugeben. Dieses ‚OK‘ kam schneller als gedacht und ja, wir hatten uns noch nicht einmal annähernd in unser neues Leben auf dauf Gran Canaria eingelebt. Aber wenn man schonmal dabei ist Herausforderungen zu meistern, haben wir die der Schwagerschaft einfach gleich mitgenommen.
Ob es ein 'zur Rechten Zeit' für ein Baby gibt? Keine Ahnung. Ich denke, Kinder zu bekommen ist nichts, was man wirklich planen oder bestimmen kann.
Lene
arbeitet derzeit als Brutmaschine
Kamen mir anfangs die vierzig Schwangerschaftswochen noch so unüberschaubar lang vor, bin ich jetzt davon überzeugt, dass Gott diesen Zeitraum ganz clever eingeplant hat. Neun Monate geben Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, Mutter, Vater, Eltern zu werden und aus der aktuellen Lebenssituation die ‚richtige Zeit‘ zu machen.
Denn die Freudentränen, die Gespräche mit Tobi, die überwältigende Freude unserer Familien, das erste Ultraschallbild eines milimetergroßen klopfenden Herzens, die ungläubigen Blicke unserer Cambio Teilnehmer, die ersten Bewegungen in meinem Bauch, auch die Zweifel und Unsicherheiten, welche uns gerade in den letzten Wochen umgehauen haben – alles hat seinen Platz in diesen neun Monaten Schwangerschaft.
 
Meine Angst vor dem Kugelbauch-Dasein war jedenfalls umsonst. Denn auch, wenn er manchmal im Weg ist und das Aufstehen von Polstermöbeln und aus dem Bett morgens etwas ungeschickter abläuft als zuvor, trage ich das Zuhause meines Sohnes durchaus stolz vor mir her. Auch Sport kann ich Gott sei Dank bis zum heutigen Tag noch machen. Klar, ich laufe keine 15 Kilometer mehr, aber dank einer neu entdeckten inneren Ruhe reichen mir inzwischen sogar meine täglichen Spaziergänge durch die Natur.
Was also überwiegt hat, ist die Dankbarkeit darüber, dass Gott uns diese Aufgabe zutraut, unseren kleinen Sohn durch diese Welt zu begleiten. Genauso die Freude über eine komplikationslose Schwangerschaft, in der mir der Kaffe nach zwanzig Wochen Pause wieder genausogut schmeckt wie zuvor. Und die Begeisterung, in wenigen Wochen meinen Sohn kennenzulernen und mit ihm ganz viel Zeit zu verbringen.
 

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