Anders als gedacht

Klar, auch unser Leben wird durch die Corona- Krise beträchtlich beeinflusst. Unser Heimataufenthalt findet under ‚Social distancing‘ statt. Die einzigen, die wirklich etwas von uns haben, sind derzeit meine Eltern. Mit ihnen und unserer alten Katze leben wir auf vorerst unbefristete Zeit in einer vierer-WG in Karlsruhe. Der Geburtsplan für Gran Canaria ist in Frage gestellt und Plan B für eine Geburt in Deutschland liegt parat. Unsere Planungssicherheit derzeit ist gleich Null, aber wem geht das nicht so? Wir sind gezwungen, einfach mal die Füße hochzulegen und uns die Frühlingssonne ins Gesicht strahlen zu lassen. Wir leben von Tag zu Tag und ich bete, dass die Normalität, wie auch immer sie dann ausehen wird, bald zurückkehrt. Denn ich, als strukurliebende Person merke, dass ich oft unzufrieden und ungeduldig bin in dieser unvorhersehbaren Situation. Alles läuft plötzllich anders als gedacht. So gerne würde ich meine sorgfältig ausgearbeite Reiseroute durch Deutschland abfahren und meine Besuche und  Pläne in die Tat umsetzen. Ich kenne das große Ganze viel zu wenig, um einen Durchblick über die rasanten Veränderungen der Politik und der Misere zu behalten und habe tausend ungeklärte Fragen in meinem Kopf.
Und dann kam der Sonntag. 
Immerhin auf die Reihenfolge der Wochentage ist in dieser chaotischen Zeit verlass. Und statt den Gottesdienst hier vor Ort zu besuchen, haben wir es uns mit unseren „Mitbewohnern“ auf der Wohnzimmercouch bequem gemacht und den Livestream des Gottesdienstes der Allianzmission angeschaut.
Schon die ganze Woche war mir bewusst, dass wir in Deutschland, verglichen zu unseren Nachbarländern, Italien, Spanien und inzwischen sogar Frankreich, in einer komfortableren Situation stecken: keine Ausgangssperren, nur ein Kontaktverbot, ein gewaltiges Gesundheitssystem im Rücken, eine funktionierende und wohlwollende Regierung, volle und wiederbefüllbare Supermarktregale, in denen lediglich Klopapier zur Mangelware wird…
Die Berichte der  Missionare über die aktuelle Lage in Südtirol, China und Südostaisen holten mich aus meiner egozentrischen Kurzsichtigkeit heraus.
Woran es den Menschen in Wuhan in den letzten Monten mangelte nimmt ganz andere Dimensionen an, als unsere sozialen Verzichte in Deutschland. Was die  Menschen in den Slums von Manila durch eine mögliche Virusinfektion zu befürchten haben, ist eine unbeschreibliche Herausforderung im eh schon täglichen Überlenskampf. Und auch nur einige hunderte Kilometer südlich von uns kämpft die Gesellschaft in Norditalien gegen das Virus und für das Leben von tausenden infizierten Menschen. Eine unvorstellbare Notlage für das Land, das Gesundheitssystem, unzählige Familien und einzelne Ärzte.
Worüber genau beklage ich mich eigentlich? Ist mein Glaube und mein Vertrauen so klein, dass diese vergleichbar minimalen Auswirklungen von Corona auf mein Leben hier in Deutschland mir schon die Hoffnung  nehmen?
Die Worte der Berichte aus Wuhan und Manila sind trotz der unbegreiflich schwierigen Situation hoffnungsvoll und ermutigend. Nach einer Stunde schalte ich stark ermutigt von diesen Worten den Fernsehen aus. Die weltweite Hoffnung von Christen und der unerschütterliche Zusammenhalt unserer geistlichen Gemeinschaft sind für mich erneut in den Fokus gerückt: 
Hier die Aufzeichnung des Gottesdienst-Streams:

Trotz dieser Zuversicht in meinem Herzen sehe ich mich auch mit der Frage nach dem „Warum“ konfrontiert? Wie passt dieses Virus und das Leid mit meinem Glauben an einen liebenden Gott zusammen?

Das Beispiel der sogenannten Emmausjünger [die Bibel, Lukas 24] finde ich einen treffenden Vergleich, wie ich Gott trotz Leid und Hoffnungslosigkeit erlebe. Kurz nach dem Tod von Jesus herrschte auch in Jerusalem Ausnahmezustand. Der Mann, auf dem die Hoffnung der ganzen Gesellschaft lag, Jesus von Nazareth, war gestorben. Statt als Messias die Welt zu retten, wurde er von den Römern getötet. Eine Perspektivlosigkeit für die Menschen, die ich mit der weltweiten Lage der letzten Woche vergleichbar finde. Da kann die Grundlage des Glaubens schnell mal ins Wanken geraten.

Zwei der Begleiter des verstorbenen Jesus sind unterwegs in ihre Heimat  und unterhalten sich über die schockierenden News und Begebenheiten der letzten Tage. Eine Teilstrecke werden sie von einem weiteren Wanderer begleitet, mit dem ein ehrliches Gespräch entsteht. Unwissentlich darüber, mit wem sie sich gerade unterhalten, werfen die Männer dem Unbekannten vor, nichts von den tragischen Ereignissen und dem Tod von Jesus von Nazareth mitbekommen zu haben. Doch dann verändert sich ihre Perspektive.  Die zwei klagen dem Unbekannten ihr Leid, erzählen von ihrer zerschlagenen Hoffnung und bruddeln vor sich hin. Aber in der Gemeinschaft mit dem Mann, als sie zusammen Abendessen und er ihnen ein Stück vom Brot abbricht, verändert sich ihre Perspektive und sie erkennen, dass sie sich den ganzen Weg über mit Jesus selbst unterhalten haben. Er hat sich all diese Fakten und Sorgen angehört, weil es ihn tatsächlich interessiert, wie es den Beiden geht. Ein krasser Plot-Twist, der die zwei bruddelnden Jünger zu begeisterten Bekennern von Jesu Gegenwart werden lässt. 

Auch ich will mich weniger beschweren, weniger zweifeln and dem, dass Jesus genau in unserer chaotischen Lage gegewärtig ist. In der engen Gemeinschaft mit den Menschen in unseren Wohnungen und Häusern. In den ausdauernden Gebeten der Gläubigen in der ganzen Welt. In den liebevoll geplanten Hilfsaktionen für alte Menschen und Nachbarn…

Ich will mir ein Beispiel an diesen zwei Männern nehmen und meinen Frust und meine Sorge bei dem loswerden, der damit auch zurechtkommt. Bei Gott. Nicht, um der Sorge mehr Gehör zu verleihen, sondern mich stattdessen frei von ihr zu machen, um den Blick auf die schönen Dinge richten zu können. Meine Hoffnung ist, dass Gott dieses Chaos überblickt und in all dem Leid und all den Tragödien nicht wegschaut.

Lasst es euch gut gehen und bleibt gesund.

LeneUnterschrift

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