Ein Dienstag bei uns…

Es ist an der Zeit, mal darüber zu berichten, was wir hier auf der Insel eigentlich so tagtäglich tun. Deswegen nehme ich euch mit dieser kleinen, stümperhaften Reportage mit hinein in unseren Arbeitsalltag und zeige euch, wie Lene einen Dienstag erlebt.

Noch vor Sonnenaufgang geht es los

Unser Dienstag ist euer Montag, also der erste Tag in einer neuen Woche. (montags ist nämlich unser freier Tag). Dementsprechend schwer fällt es mir, an diesen Tagen aus dem Bett zu kommen. Ich habe es mir seit einigen Wochen dennoch zur Angewohnheit gemacht, an diesem ersten Tag der Woche eine Stunde früher aufzustehen. Auch wenn es draußen noch dunkel ist, verlasse ich ohne Kaffe die Wohnung und steige auf mein Fahrrad (was für mich eine große Überwindung bedeutet), um die noch autoleeren und ruhigen Straßen zum Cambio Haus hochzutreppeln. Dort angekommen ist mein Kreislauf nahezu hochgefahren und mit einer frisch duftenden Tasse Kaffe in der Hand steige ich die Treppen auf unsere Dachterasse hinauf. Dort erwartet mich ein wunderschöner Ausblick auf das ruhige Las Palmas, das von hunderten funkelnden Straßenlaternen erleuchtet wird. Der frische Wind weht durch die Palmen und mit einem ersten Schluck starte ich in die neue Woche.

In dieser einen Stunde nehme mir extra viel Zeit nachzudenken, Dinge mit Gott zu besprechen und mir ein Thema aus der Bibel vorzuknöpfen, über das ich mehr lernen will. Währenddessen kann ich beobachten, wie es über der Stadt heller wird, die ersten Teilnehmer aufwachen und sich die Stadt und das Haus mit Leben füllt.

Wie der Tag so seinen Lauf nimmt

Wenn ich um halb 9 in die Küche gehe,  (wir passen unseren Zeitplan an einigen Punkten an die spanisch entspannte Mentalität an) finde ich in der Küche ein leckeres Frühstücksbüffet vor. Für den Bereich von Einkauf und Kochen trage ich bei Cambio die Verantwortung. Alle drei Mahlzeiten werden von den Teilnehmern geplant und vorbereitet. Die ersten vier Wochen habe ich den einzelnen Kochgruppen noch viel unter die Arme gegriffen, aber inzwischen läuft vieles schon von alleine. Fast jedes Essen wird mit sehr viel Liebe zubereitet. Das Obst fürs Müsli wird geschnitten, der Salat mit einer extraportion Thunfisch aufgemotzt und jeden Tag ein anderes Rezept ausprobiert. Beim Frühstück geht es je nach Verfassung mal mehr, mal weniger gesprächig zu. Einige  stützen den Kopf auf der Hand ab, damit dieser nicht ausversehen in die Müslischale fällt, andere sitzen schon putzmunter am Tisch und erzählen von ihren Erlebnissen des gestrigen freien Tages…

Das fühlt sich ein bisschen so an, wie in meiner Familie früher und das ist das schöne an jeder einzelnen gemeinsamen Mahlzeit. Zusammen um unseren riesigen Küchentisch zu sitzen gibt uns tagtäglich das Gefühl, eine Familie zu sein, wenn auch nur auf Zeit.

In unserem improviersten Büro, einer umfunktionierten Gartenhütte auf dem Dach, treffen wir Mitarbeiter uns nach dem Frühstück für eine kurze Wochenbesprechung. Anschließend geht es die Treppen wieder hinunter  in die neu gebaute und inzwischen fast fertig renovierte Mehrzweckhalle. Dort hat  Lina-Marie, eine unserer Teilnehmerinnen einen kurzen Input vorbereitet. Auch hier übernemen die Teilnehmer von Woche zu Woche mehr Verantwortung und wechseln sich mit uns Mitarbeitern dabei ab, einen kurzen geistlichen Einstieg in den Tag zu gestalten. Es ist eine wertvolle Erfahrung für alle, kreative Ideen und Inhalte auszuprobieren und auf diese Weise die Anderen im Glauben zu ermutigen

Dann geht für die Cambioten (unsere Team-interne Bezeichnung der Teilnehmer) der Unterricht los und für mich die Zeit im hölzernen Büro. Diese Woche hatte Tobi seinen ersten Einsatz als Dozent und hat das Thema „Weisheit“ in der Bibel bearbeitet. Er hatte jede Menge Spaß bei der Vorbereitung und Durchführung seiner Stunden und fühlt sich sehr in seinem Element. Endlich all das theologische Wissen seines Studiums weitergeben zu können, ist für ihn eine wertvolle Aufgabe.

Währenddessen sitze ich drei Etagen höher an ein paar Exceltabellen, um die Planzahlen und Monatsaufstellungen zu pflegen, den Instagram-Account auffrischen, die Planung vom Umbau der Halle weiterzuplanen, bei IKEA noch nötige Sachen für die Halle zu bestellen und unseren Arbeitseinsatz im Februar in Deutschland zu organisieren. Dafür habe ich bis zum Mittagessen Zeit.

Gegen 12 Uhr geht für das aktuelle Kochteam (und mich) der tägliche Großeinsatz in der Küche los. In einer Stunde ein Mittagessen für knapp zwanzig Personen auf den Tisch zu zaubern ist vielleicht für fähige Hauswirtschaftlerinnen ein Kinderspiel, aber für die Teilnehmer ein Test in Schnippel-Schnelligkeit, Multitasking und Gewürz-Improvisation. Ich stehe den Teams als Leih-Arbeiterin auf Abruf zu Hilfe und packe an, wenn Hilfe benötigt wird. Erstaunlicherweise hat bisher jedes Essen der vergangenen zwei Monate geschmeckt. Nichts verbrannt, nicht verkocht, nicht einmal die Spaghetti sind im Topf verklebt. Wieder ist der große Tisch in der Küche der Mittelpunkt des Geschehens: Hände greifen übereinander, Teller werden gefüllt, Salz und Pfeffer werden herumgereicht. Es ist trubelig und laut, aber sehr schön. Je nach Wochentag versuchen wir abwechselnd die Tischkoversation entweder nur auf Spanisch oder nur auf Deutsch zu führen. Dienstags ist Deutsch dran. Dennoch mischt sich hier und da noch ein spanischer Satz mit gerollten Rs hinein oder sogar eine Erzählung auf Englisch.

Nach dem Lärm des Mittagessens tut die Aussicht auf eine ruhige Siesta gut. Schon jetzt habe ich diese kurze Pause zum durchatmen sehr zu schätzen gelernt. Wobei sie Dienstags meist sehr kurz ausfällt, da Tobi und ich unsere Hausaufgaben in Spanisch meist so weit aufgeschoben haben, dass wir sie so gut es eben geht noch schnell in der Siesta erledigen.

Nachmittags werden die Klischees erfüllt

Um 15 Uhr steigen wir mit dicker Sonnencreme im Nacken und in Sportklamotten in die Autos. Der nächste Halt ist der Strand (spätestens hier erfüllt sich sicher eure Vorstellung von unserer Abreit – stimmts?)  Wir sind mitten drin im zweiten Modul von Cambio und trainieren im Okotber zwei mal die Woche Beachvolleyball (und das geht eben am besten am Strand – hihi). Im vorigen Monat war zwei Mal die Woche Spanisch dran und im nächsten wird es zwei Mal die Woche Musikunterricht geben. Durch Sport können wir mit den Teilnehmern ganz praktisch üben, auf ein Ziel hinzuarbeiten, und die Theorie von den Lehreinheiten umzusetzen. Manchmal gilt es, den eigenen Schweinehund zu überwinden und hart zu trainieren, um ein Ziel zu erreichen. Aber es lohnt sich.  Wir unterstützen Denis beim Durchführen der Trainingseinheiten und genießen es sehr, mit den Teilnehmern die Euphorie von Sport und den damit verbundenen Erfolgen zu teilen.

Feierabend - oder so ähnlich

Nach einer schnellen Dusche und Abendessen zu Hause fühlen wir uns eigentlich bereit fürs Sofa, eine Runde Dogs oder direkt fürs Bett. Stattdessen flitzen wir direkt wieder in die Stadt runter, denn Dienstags und Donnerstags haben wir uns einen Platz im Spanischkurs der offiziellen Sprachschule in Las Palmas ergattert. Die anfängliche Euphorie noch gerade so in das B1.1 Level hineinzurutschen (B1.1. steht in der internationalen Standards für die erste Stufe des Fortgeschrittenen Niveaus einer Sprache) wurde von einer leichte Überforderung abgelöst: In einer Woche, nach 20 Uhr und nach einem vollen Arbeitstag die Grammatik der drei wichtigsten Vergangenheitsformen im Spanischen zu lernen und wenn möglich auch noch korrekt anzuwenden, übersteigt meine Gehirnkapazität. Ehrlich gesagt hatte ich mich vor gut einem Jahr so sehr gefreut, mein Studium abgeschlossen zu haben und damit auch den Lernstress hinter mir zu lassen. Pustekuchen. Im Spanischunterricht fühle ich mich in die Mittelstufe im Gymnasium Neureut zurückversetzt. Als ich in der Schule weder die Verben richtig beugen konnte und mir mit Mühe und Not gerade so zehn Vokabeln der aktuellen Lektion behalten konnte. Meine Ausreden, warum wir heute nicht unbedingt zum Spanischkurs gehen müssen, werden von Woche zu Woche kreativer, aber zum Glück ist Tobi super konsequent und schleppt mich (fast) jedes Mal erfolgreich mit. Denn ehrlich gesagt sind diese vier Stunden in der Woche, in denen wir absolut und unausweichlich nur Spanisch sprechen und hören, sehr wichtig für uns, wenn wir diese Sprache lernen wollen. Und die Menschen dort sind ein herrlich interkultureller Haufen an mittelalten Italienern, Aussteigern, jungen Studentinnen aus Marokko, britische Lehrer und weitere Kurzzeit-Canarios.  Zusammen mit ihnen zu lernen ist eine echte Freude, auch wenn ich dazu zweimal die Woche meinen Schweinehund einen ordentlichen Tritt in den A… verpassen muss. Ganz besonders liebenswert ist der ältere Herr aus Italien, der uns immer wieder selbstgemachte italienische Köstlichkeiten mitbringt. Das füllt unser Herz mir Freude und das hirn mit dem nötigen Zucker für die letzten 60 Minuten des Unterrichts.

Gegen 22:30 Uhr ist der Dienstag vorbei und wir lassen uns erschöpft auf unsere viel zu harte Matratze fallen. Wie viel wir hier tagtäglich erleben ist nur schwer zusammenzufassen. Jede Woche bringt eine neue Herausforderung mit sich. Eine Wohnung finden, sich als Bewohner der Kanarischen Inseln anmelden, einen Termin beim Arzt überstehen, die spanische Bürokratie bei der Anmeldung zum Spanischkurs, der Kurs selbst… Dabei habe ich es mir selbst zu einem kleinen Wettbewerb gemacht, für jede dieser Herausforderungen den Mut aufzubringen, um mit allen mir zur Verfügungen Mitteln und jeder Menge Kreativität und Improvisation den mehr-oder-weniger-Alltag hier auf der Insel zu meistern.

LeneUnterschrift

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