Mar -ia -ta -lene

Die Tage hier fliegen nur so vorbei. Schon mehr als sechs Wochen sind wir auf der Insel und bemerken, dass langsam eine Form von Alltag entsteht. Anders als jeder Alltag, den wir bisher hatten. Totz des gegebenen Chaos spielt sich aber eine gewisse Routine ein, die man als „alltäglich“ bezeichnen könnte.

Wir haben eine fixe Wochenstruktur: Dienstag bis Freitag sind Lehr- und Praxiseinheiten eingeplant, in denen ich die Zeit nutze, um in unserer Büro-Hütte auf dem Dach ein bisschen was geschafft zu bekommen. Mittwochs steht der Wocheneinkauf für zwanzig Personen bei Lidl an, am Wochenende die Arbeitseinsätze oder geplante Ausflüge. Sonntags dann die Gottesdienstbesuche. Zwischendrin noch Autos zum Mechaniker bringen, im Baumarkt neue Lampen für die neue Halle kaufen und den Kontakt mit unseren Freunden und Familien in Deutschland aufrechterhalten. Spanisch Vokabeln und ein bisschen Grammatik lernen, Ideen spinnen, wie wir Kontakte zu den Studenten hier und zu den Menschen in der Stadt bekommen. Ein volles Programm, das uns jeden Tag vom Frühstück bis zum Abendessen einspannt und lediglich durch die Stille in der Siesta durchbrochen wird.
Versteht mich nicht falsch, ich mache die Arbeit hier unglaublich gerne, aber manchmal erinnert mich meine Situation an diese Geschichte von zwei Schwestern, die sich auch mitten im Alltag abspielte:

Statt in Las Palmas lebten Maria und Marta am Stadtrand von Jerusalem. Die Straßen waren sicher vom Lärm des Lebens und die Tage von Arbeit gefüllt. Welche Aufgaben genau die Beiden erledigten, kann ich mir nur vorstellen, aber allein die Tatsache, dass das Wasser nicht aus der Leitung kam, sondern jeder Liter hunderte Meter entfernt von einem Brunnen her geholt werden musste, lässt ahnen, dass allein die Hausarbeit den Tag der beiden füllte.
Und dann kam es vor, dass sich Besuch ankündigte. Ihr bester Freund Jesus war auf dem Weg nach Jerusalem und natürlich hatten sie ihn und seine Freunde zu sich nach Hause eingeladen. Mit dem Aussprechen der Einladung verlängerte sich die alltägliche To-Do Liste schlagartig um viele weitere Punkte: Wasser für die Gäste schöpfen und eine üppige Mahlzeit für ein duzend Personen zubereiten. So gerne man das auch macht, treibt es einem sicherlich die Schweißperlen auf die Stirn, ohne einen Discounter um die Ecke und ohne Induktionsherd. Jede Menge Arbeit, die zu erledigen war…

Und dann ist der Besuch da. 

Maria begrüßt ihren Freund herzlich, setzt sich zu ihm und nimmt Teil an dem langen und interessanten Gespräch. „People over Programm“ wäre der moderne Begriff für ihr Verhalten. Die Zeit mit ihrem besten Freund ist ihr wichtiger, als sich um den Haushalt zu kümmern.
Anders Marta: Sie ist schwer beschäftigt, springt um ihre Gäste herum, will, dass jede Kleinigkeit perfekt ist, damit sich alle wohlfühlen. Bringt ihnen ein erfrischendes Getränk, besorgt für alle Sitzmöglichkeiten, rührt zwischendurch nochmal das Essen auf dem Herd rum… Natürlich fällt ihr auf, dass ihre Schwester nur neben Jesus sitzt und sich um nichts mehr kümmert. Alle Aufgaben bleiben an ihr hängen und mit jeder erledigten Aufgabe wächst in ihr der Ärger darüber, dass ihre Schwester nicht mit anpackt. Und das lässt sie sich auch anmerken. Sie geht zu ihrem Freund und fragt ihn, ob er das denn okay finde, dass sie so fleißig ist und Maria ihr bitte helfen solle. Die Antwort, die sie von Jesus bekommt ist radikal und liebevoll zugleich:

“Meine liebe Marta, du sorgst dich um so viele Kleinigkeiten. Im Grunde ist doch nur eines wirklich wichtig. Maria hat erkannt was es ist – und ich werde es ihr nicht nehmen.“ [Die Bibel//Lukas 10: ]

Ich teile mit diesen beiden Schwestern nicht nur das „Mar“ in unseren Vornamen, sondern ich merke, dass ich auch die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktäre in mir trage. Und grundsätzlich denke ich, dass beides nötig ist: Oftmals muss man wie Marta anpacken können und Arbeit erledigen, aber man darf, wie Maria zeigt, das Wesentliche nicht vergessen und das ist oftmals die Gemeinschaft mit Menschen und mit Gott.

Meine Wahl: Mehr Maria und weniger Marta

Gerade in der letzten Zeit überwiegte in mir die Marta-Einstellung: „Die Arbeit muss gemacht werden, damit der Laden hier läuft.“ So habe ich mich manches Mal durch mein geschäftiges Leben davon abhalten lassen, Zeit in der Gemeinschaft von Cambio und auch in der Gemeinschaft mit Jesus zu verbringen. Dabei sind diese Maria-Momente doch die Grundlage meiner Arbeit hier bei Cambio und auch das, was mir wirklich Freude macht.
Natürlich sehe ich mich von Natur aus auch eher als eine Schafferin (ja, ertappt – viele Persönlichkeit-Tests haben das auch belegt): Ich habe Spaß daran Dinge zu organisieren, anzupacken, für viele Leute zu kochen und Aufgaben von meiner To-Do-Liste abzuhaken. 
Aber wäre es nicht möglich, so wie Maria zu entscheiden, ob die Gemeinschaft gerade wichtiger ist als die Arbeit? In manchen Momenten des Lebens die Arbeit einfach ruhen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass das Chaos in dieser Stunde nicht überhand nimmt? Mich stattdessen für Gemeinschaft mit Menschen oder mit Gott zu entscheiden?

Es ist eine Frage der Priorisierung. Wenn es eine Sache gibt, die ich über die ersten Wochen hier bei Cambio gemerkt habe, ist es dies: Das Wichtige vor dem Dringlichen zu priorisieren. In einzelnen Momenten möchte ich es schaffen, Aufgaben liegen zu lassen und meine Prioritäten richtig zu setzten. Denn wichtiger als die meisten Aufgaben, sind die Menschen in meinem Leben. People over Program!

LeneUnterschrift

1 comment

  1. Annette Lörz

    Mariartha ist ein guter Begriff für dieses weit verbreitete Phänomen und dann noch die Lörz Gene! 😊 Danke für die Inspiration

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