anders als gedacht

in meinem Kopf existiert eine Schublade mit der Beschriftung Missionar. Über mein gesamtes Leben habe ich darin sowohl persönliche Erfahrungen, als auch typische Klischees gesammelt, die ich mit Menschen in der Mission verbinde. Eine kurze Zusammenfassung des darin angesammelte Materials wäre: Missionare sind solche Menschen, die so überzeugt sind von Ihrem Glauben, dass sie in die abgelegensten Winkel der Erde ziehen. Fern von Elektrizität und einer funktionierenden Infrastruktur, um sich dort für einige Jahre, ohne jeden Kontakt zur Heimat, in die Menschen vor Ort investieren. Sie gehen erstmal für 3 Jahre, aber verlängern ihren Einsatz ganz bestimmt um weitere 5 Jahre. Mein ganzes Leben war ich fest davon überzeugt, dass ich neimals in diese Schublade passen würde.

Und dann kam alles ganz anders. Feburar 2019. Ich saß vor meinem Laptop, auf dem Bildschirm waren mehrere Dokumente mit unterschiedlichen Bewerbungsschreiben geöffnet. Seitdem mir vor einigen Wochen mein Abschlusszeugnis zugesendet wurde, schmiedete ich an meinem beruflichen Masterplan. Welche Unternehmen interessieren mich und vor allem welches Unternehmen interessiert sich für mich? Worin bin ich besser als meine Mitbewerber? Wieviel Verantwortung kann und will ich übernehmen? Wie hoch setze ich mein Einstiegsgehalt an? Wie kann ich mich mit meiner Ausbildung, meiner Persönlichkeit und meinen Fähigkeiten in einem Job verwirklichen? Suche ich einen Beruf oder eine Berufung?

Keine Job-Ausschreibung in und um Stuttgart passte hunderprozentig zu meinem Profil – Psychologie und Wirtschaft ist irgendwie auch alles und nichts. Dennoch war ich eifrig dabei zu formulieren, korrigieren, zu versenden und zu warten. Ich stockte mein Sortiment an Blusen und Bürotauglichen Klamotten auf und mit jeder Bewerbung wuchs in mir die Überzeugung, dass mein (gutbezahlter) Platz auf dem Arbeitsmarkt bald sicher war.

Und dann warf ein einziges Skypegspräch mit Denis und Rebecka meine (und auch Tobis) Zukunftspläne über den Haufen. Plötzlich stand das Angebot im Raum, einen Job bei Cambio auf Gran Canaria anzunehmen – der Jüngerschaftsschule, auf der wir letzten Sommer einen zweiwöchigen Arbeitseinsatz gemacht hatten und die uns so sehr begeistert hatte. Kaum war das Gespräch beendet, ging in meinem Kopf die Rumdenkerei los. Las Palmas statt Stuttgart. Inselluft statt Feinstaubalarm. Jüngerschaftschule statt Büroalltag. Gemeinschaft mit Jugendlichen statt gestressten Kollegen. Leben von Spenden statt einer Festanstellung. Dieser Job war das absolute Gegenteil von dem Zukunftsplan, den ich über die vergangenen Wochen entwickelt hatte. Doch das nervöse Kribbeln unter meiner Haut und das freudige Lächeln auf meinem Gesicht, wenn ich an diese Idee dachte, verflogen nicht am nächsten Tag und auch nicht in der kommenden Woche. Vielleicht war dieser Job die Möglichkeit, wie ich meinen Beruf zu meiner Berufung machen könnte… Dann ging alles ganz schnell, die Entscheidung fiel, die vorerst letzte Bewerbung wurde geschrieben und wenige Wochen hatten wir die Zusage.

Mein neuer Job: Missionarin auf Gran Canaria.

In den kommenden Wochen musste ich immer wieder über den Begriff der Missionarin nachdenken. Der Gedanke, mein Studium in Pychologie und internationalem Management beendet zu haben und nun so einen unkonventionellen Job anzutreten, war mir so fremd. Wenn ich anderen begeistert von meiner neuen Arbeitstelle erzählte, vermied ich es, den Begriff Missionarin zu verwenden. Ich befürchtete, dass mein Gegenüber, so wie ich, bereits eine volle Schublade an Vorstellungen über diese Berufsbeschreibung hatte. Es war an der Zeit, meine mentale Schublade auszumisten und den Inhalt daraufhin zu überpüfen, wie ich selbst meinen neuen Job als Missionarin sehen will.

Auf Gran Canaria werden wir als Missionare in dem Projekt Cambio arbeiten. Unsere Arbeit besteht darin, dass Jugendliche aus Deutschland zusammen mit einheimischen Jugendlichen lernen, was es heißt, Jesus nachzufolgen. Es geht um Lernen mit Kopf und Herz. Es geht um Charakterschule und praktische Umsetzung in sozialen Projekten vor Ort. Es geht um die Gemeinschaft und das Zusammenleben. Gemeinsam essen, putzen, beten, Sport machen, lernen und feiern und dabei merken, dass das Leben mit Gott jeden einzelnen Bereich unseres Lebens betrifft.

Wenn ein ganzheitlicher Lernanspruch, eine interkulturelle Gemeinschaft, soziale Projekte,  Menschen und Veränderung meine neue Definition vom Missionarsein ist, dann bin ich mehr als begeistert von meinem neuen Jobtitel.

Mit wachsender Vorfreude fiebere ich also meinem Amtsantritt im August entgegen. Die Blusen sind längst weggepackt oder verschenkt. Und das Latzkleid, das ich schon seit einigen Wochem im Schaufenster habe hängen sehen, mich aber immer mit dem Gedanken „sowas kannst du im Büro dann eh nicht mehr anziehen“ weggedreht habe, hängt jetzt auf meiner Kleiderstange. Tja, es gibt wohl auch Vorteile am Missionarsein.

 

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