Eine echte Missionarin – bin ich das überhaupt?

Meine Jobbeschreibung stimmt nicht mit der klassischen Vorstellung der Tätigkeit einer Missionarin überein: Weder leiste ich Entwicklungshilfe in einem Schwellenland, noch übersetze die Bibel in eine unbekannte Sprache, oder lebe in einem sozialen Brennpunkt. Vielmehr bin ich in einem großen Haus in einem Vorort von Las Palmas mit jungen Menschen zusammen, die für ein halbes Jahr auf eine kanarische Urlaubsinsel fliegen, um sich dort mit dem Thema Jüngerschaft zu beschäftigen.

Währenddessen befinden sich tausende Afghanen in einer humanitären Krise, den Einwohnern auf Haiti wurde ihre Lebensexistenz durch ein Tsunami zerstört und auf unserer Nachbarinsel la Palma bricht ein Vulkan aus und niemand weiß, was die nächste Woche mit sich bringt. Diese Ereignisse der letzten Wochen und Monate konfrontieren mich immer wieder mit der elementaren Frage:

Kann ich meine Tätigkeit bei Cambio zum Arbeitsfeld der Mission zählen? 
 

Ich meine die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie wir Mission definieren. In meinem Kopf gibt es eine Schulbade mit dem Aufkleber „Mission“, darin stecken all die Vorstellungen die ich mit diesem Thema verbinde (siehe oben). Noch vor einigen Jahren war diese Schublade gefüllt mit Klischees. Meist Szenarien im Urwald, in denen Menschen ohne Verbindung nach Deutschland lebten, umgeben von großen Krabbeltieren, fernab von jeglicher Zivilisation. Alle paar Jahre kamen diese in die deutschen Gemeinden, um in fremdartiger Kleidung in Gemeinden spannende Geschichten zu erzählen.
Diese Schublade wurde über die letzten Jahre aussortiert und neu bestückt.

Was ich unter Mission verstehe.

Augustinus hat den Begriff der „Missio Dei“ (dt: göttliche Mission) geprägt. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass die Mission nicht eine Idee der Kirche oder gar der Gläubigen war, sondern in erster Linie das Werk Gottes ist.
Bereits in der Dreieinigkeit zeigt sich Gottes Idee von Mission: Gott Vater sendet seinen Sohn Jesus Christus, um die Menschen in der Welt mit seiner Liebe in Kontakt zu bringen. Vater und Sohn senden anschließend gemeinsam den Heiligen Geist als Tröster und Begleiter für die Menschen bis zu dem Tag, an dem wir Gott wiedersehen werden.
Das Ziel dieser göttlichen Mission ist es „die Welt mit sich zu versöhnen“, also Frieden herzustellen und der drei-eine Gott selbst nimmt sich dieser Angelegenheit an. Jesus fordert seine Jünger, und somit jeden seiner Nachfolger, auf, diese Mission weiterzuführen: »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich nun euch.« [Johannes 20:21]
Jetzt wird’s ungemütlich, denn in dieser Handlungsabfolge stehen wir als Christen im direkten Auftrag von Jesus, uns der Welt zuzuwenden und für Frieden zu sorgen. Wir sind also Teil der Mission, diese Welt zu retten. Ein globaler Auftrag in einem globalisierten Zeitalter.

Wenn ich die abgefahrenen Konzepte der Theologen des vergangenen Jahrhunderts richtig verstehe, dann bezieht sich dieser globale Aspekt von Mission nicht allein auf eine geistliche Rettungsaktion der weltweiten Bevölkerung, sondern vielmehr auf unseren gesamten Globus und schließt somit die gesamte Schöpfung Gottes ein.

 

„Die Mission ist nicht eine Aktivität der Kirche, sondern ein Attribut Gottes! Gott ist ein missionarischer Gott. Für ihn ist die Mission eine Transformation des Individuums, der Gesellschaft und der Welt. „

[David Bosch]

Jeder Christ ist also dazu aufgefordert, diese Welt zu transformieren. Aber wie? Indem wir Menschen begegnen, die Gesellschaft prägen, in der wir leben und die Welt zu einem besseren Ort machen. Soziale Gerechtigkeit, Frieden und die Sorge um die Schöpfung sind also wichtige Teilaspekte von Mission.

Bin ich Missionarin?

Zurück zum Dilemma, ob ich meinen Job hier auf einer kanarischen Urlaubsinsel wirklich in den Bereich der Mission zählen kann.
Ich meine ja.
Denn wenn es Gottes missionarischer Auftrag an uns ist, einzelne Individuen und die Gesellschaft zu transformieren, um einen übergreifenden Frieden, soziale Gerechtigkeit, ja den Himmel auf Erden zu schaffen, dann kann ich als Missionarin diesem Auftrag an jedem Ort folgen. Auch auf einer Urlaubsinsel. Auch in einem Projekt, dass sich nicht direkt den elementarsten Formen der menschlichen Existenz annimmt.
Die Zielgruppe meiner Arbeit als Missionarin bei Cambio ist die nächste Generation Christen. Meine Vision ist es, junge Menschen herauszufordern, ihre Persönlichkeit und Gottes Berufung für ihr Leben zu entdecken, um in dieser Welt Zeuge von Gottes liebevollen Wirken zu sein. Wie? Durch einen nachhaltigen Lebensstil, durch den Mut, Verantwortung für Gottes Schöpfung zu übernehmen und den Kampf für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen – unter dem wirkungsmächtigen Einsatz ihrer Gaben und Talente, und so Gottes Reich hier auf der Welt friedlich zu vergrößern. Das ist meine Form der Mission.

Dennoch merke ich, dass mich die aktuellen politischen Geschehnisse und humanitären Krisen mehr und mehr berühren. Sie wecken in mir den Wunsch für Menschen einzutreten, die aus Gründen von falschen Machtverhältnissen oder katastrophalen Naturgewalten in Ungerechtigkeit leben. Etwas beizutragen zu Gottes Wunsch nach Frieden.
Denn die Welt, in der wir leben ist nicht so, wie Gott sie sich gedacht hat. „Dein Reich komme“ ist eine oft gesprochene Zeile des Vater Unsers, und gleichzeitig eine mächtige Motivationserklärung für uns Christen: Gottes Willen für die Menschen, die Gesellschaft in der sie leben und seine Schöpfung zu erwirken.

 

LeneUnterschrift

1 comment

  1. Ulli Klein

    Hey, hey, heute habe ich mir mal wieder Zeit genommen in eurer aufregendes Leben einzutauchen und staune, was ihr so alles wuppt und bewegt. Da kommt keine Langeweile auf. Wie schön, dass ihr für Theo eine Vormittagsbetreuung gefunden habt. Der kleine Mann ist ja kaum wieder zu erkennen und sieht blond, frech und blauäugig ein bisschen wie Rüdi als Kleinkind aus – Theo ist natürlich ganz anders!!!
    Tatsächlich hatte ich den Gedanken mal so ganz spontan einen Flieger zu buchen und bei euch aufzutauchen. Das Fliegen ist allerdings gerade nicht so sicher, vermutlich wegen Vulkanausbruch auf La Palma. Aber wie ist das überhaupt so für euch. Stresst euch Besuch eher oder ist das auch manchmal eine Hilfe? Meine Idee hat sich die letzten beiden Wochen schnell in Luft aufgelöst, da ich mir einen Darmvirus eingeangen habe, der „nicht von schlechten Eltern war“ und mich 14 Tage ausgeknockt hat. Vermutlich habe ich mir auf unserer Radtour von Leipzig nach FFO etwas eingefangen.
    Was ist bei uns so los? Volker ist im neuen Job viel unterwegs, hat aber auch viel frei, was wir nutzen und oft unterwegs sind. Es gibt ja immer noch Orte in der Umgebung, die wir noch nicht kennen. „Die Gärtnerei“ ist aus ihren Kinderschuhen raus gewachsen und wir haben die jungen Menschen los gelassen. Vier haben Familie gegründet und tummeln sich im „Leipzig Projekt“ und im Pfarramt. Andere sind weggezogen und finden auch dort Anschluss. Wir genießen die Pause und schauen jetzt mal wieder für uns was passt. Ich vermute mal wir gehören inzwischen der Gruppe der „selffeeder“ an und tingeln ansonsten je nach Prediger durch die Gemeinden und Kirchen. Das ist auch mal schön. Volker genießt die Unikirche (Paulinum), da er dort eine theologisch aus gefeilter Predigt bekommt.
    3 Tage getrennt leben hat sich gut eingespielt und der Freiraum tut uns beiden gut. Wir freuen uns dann umso mehr ab Donnerstag qualitativ unsere gemeinsame Zeit zu gestalten. Also: Alles prima!
    Mir tut es gut nicht mehr in einem festen System (BBW) zu arbeiten, sondern mit meiner Selbständigkeit selbst zu wählen, was ich tun will. Im Moment plane ich unsere Reise nach Georgien, die nächsten Sommer endlich real wird. Volker bekommt acht Wochen frei. Passt also. Hoffen wir, dass Corona uns nicht wieder eine Strich durch die Rechnung macht.
    So, jetzt werde ich mal Futter kaufen, damit wir heute Abend etwas zwischen die Kiemen bekommen. Würde euch ja zu gerne einladen – kommt irgendwann auch wieder. Bis dahin: Bleibt gesund, passt aufeinander und Theo auf, bleibt fröhlich und motiviert, lasst euch täglich beschenken und nehmt die schwierigen Tage einfach als Bonus dazu ;-).
    Drei Drücker fliegen von Leipzig zu euch von
    Ulli mit Volker

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