Tag 1

Es gibt so viele Dinge, die ich gerne aufschreiben würde, aber mein Kopf fühlt sich schwer an von dem Wort-Wirr-Warr, der darin herumschwirrt.
Ab dem 1. März besteht unser Leben gefühlt nur noch aus einer Andeinanderreihung von Veränderungen:

Die Teilnehmer reisen nach sechs Monaten geteilten Lebens ab. Nach viel Lärm, unzähligen gemeinsamen Erlebnissen und lebhaftem Sprachchaos am Essenstisch, bleibt ein großes Haus mit vielen leeren Zimmern. Statt einer familiären Gemeinschaft mit zehn Youngsters, leben nur noch wir drei hier. Durch diesen abrupte Wechsel fühlt sich unser Leben gerade fast ein bisschen einsam an.

In den nächsten sechs Monaten werden wir ein spannendes neues  Projekt starten. Natürlich kann ich es kaum erwarten, mich einer neuen Aufgabe zu widmen, etwas auf die Beine zu stellen und einen lang gehegten Traum in die Tat umzusetzen (mehr Details folgen in den kommenden Monaten). Gleichzeitig fühlt sich die Anfangsphase des Projekts jedoch an wie der Start eines Tausender-Puzzles. Am Anfang liegt da ein riesiges Chaos vor mir und nichts sieht nach dem Bild aus, das es mal werden sollte. Noch so viele Stücke müssen an den richtigen Platz gerückt werden und einige Stunden an konzentrierter Arbeit hineingesteckt werden.

 

Theo macht unglaubliche Entwicklungsschritte, die uns als Eltern herausfordern und viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Mit neun Monaten ist er dabei, seine Umwelt zu entdecken – und seinen eigenen Willen. Seine Welt hat sich durch das Ende von Cambio auch radikal verändert. Statt zehn liebevolle große Geschwister, hat er jetzt nur noch seine Eltern um sich. Wenn ich ihn durch das Haus trage, schaut er erwartungsvoll in alle Zimmer, als suche er die Menschen, die ihm so vertraut waren und plötzlich einfach aus seiner Welt verschwunden sind. Diesen Verlust verarbeitet er mit dem Bedürfnis nach doppelter Menge an Zuneigung seiner Eltern und einem haufen körperlicher Nähe.

Durch den Umbruch kam auch mein eigenes Rollenverständnis ins wanken. Meine Mama-Skills werden aufs Äußerste beansprucht und es gibt Augenblicke, in denen ich mein eigenes Kind nicht verstehe, meine Geduld am Ende ist und ich das Gefühl habe, auf ganzer Linie zu versagen. Es bleibt mir unterm Strich weniger Zeit für die Aufgaben, die ich mir vorgenommen habe. Meine Arbeitszeiten sind mit vielen Unterbrechungen besprickt und meine aufgeschobenen To-Do’s schwirren wie eine dunkle Wolke immer in meinem Hinterkopf. Mehr denn je wird mir deutlich, dass ich meine Konzentration immer nur auf eine Sache fokussieren kann und sollte. Es gilt, ganz neu herausfinden, wie meine Balance zwischen Mama, Missionarin und auch mal Marlene-Sein am Besten aussieht.

 

So wie heute, sitze ich von all diesen Veränderungen erschöpft auf dem Sofa und versuche meine Gedanken zu sortieren, die sich fortwährend um irgendetwas drehen. Meine Gefühle sind durcheinander und wissen gar nicht, wie sie den voraneilenden Geschehnissen der vergangenen Tage hinterherkommen sollen. Emotionale Hochs und Tiefs liegen nah beieinander.
Klar, Veränderungen sind ein wichtiger Teil unseres Lebens. Gerade hier im Jüngerschaftszentrum, das den Namen Cambio trägt (deutsch: Veränderung), sollte ich doch damit rechnen, das sich Dinge verändern.

Wenn ich ehrlich bin, möchte ein großer Teil von mir sich am Liebsten auf meinem gelben Sessel in der Ecke unseres Wohnzimmers vor der Welt verstecken und den Tag damit verbringen, die fehlenden Folgen der Serie ‚Casa de Papel‘ zu schauen. Ein anderer Teil von mir will sich allerdings mit aller Energie auf die Arbeit stürzen und nächtelang in einem produktiven Workflow Infos für das Projekt recherchieren…
Die Realität wird wohl irgendwo dazwischen liegen.
Ich bin gespannt, wie die kommenden Monate bis zum nächsten Cambio Jahrgang aussehen werden und freue mich auf den Moment, wenn wir nach den Veränderungen zur einer neuen Normalität finden. Diese Jahreszeit haben wir noch nie auf der Insel verbracht (steckten wir letzes Jahr wegen C. in Deutschland fest) und im Moment fühlen sich die Monate bis Herbst, bis zum neuen Cambio Kurs, ziemlich leer und ungewohnt unvorhersehbar an. In dieser Leere sehe ich die Chance, neue Menschen
kennenzulernen, neue Vokabeln zu lernen, neue Kuchenrezepte
auszuprobieren,…

Irgendso ein Spruch sagt doch, in jedem Neuen wohnt ein Zauber inne? Oder: Wenn der Wind der Veränderung weht, braucht man Windräder statt Mauern. Pipapo. Viele schlaue Sprichworte drehen sich um dieses Thema, aber ehrlich gesagt finde ich die alle ziemlich platt. Einer allerdings hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen:

Richtet euch nicht länger nach ´den Maßstäben` dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet und beurteilen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist. 

[Paulus, Römer 12:2]

 
Vielleicht ist es an der Zeit, bei all den Veränderungen auch meine Maßstäbe zu verändern. Zu überlegen, was wirklich wichtig ist und welche Prioritäten die einzelnen Aufgaben haben. Perfekte Mahlzeiten, eine geputze Wohnung und mütterliches Multitasking gehören sicher nicht zu den Top drei von Gottes Wille für meine eh schon vollen Tage.

Die nächste Veränderung gilt also meiner eigenen Einstellung: Freude an den vielen Veränderung zu finden und auf neue Weise zu denken.

 
Liebe Grüße aus Las Palmas.

LeneUnterschrift

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.