Glück im Bauch

Endlich – nach drei Monaten des Herumreisens haben wir unser Koffer zum ersten Mal ausgepackt und seinen Inhalt fein säuberlich in einen viel zu geräumigen Pax-Schrank verstaut. Mit dem Schließen der Sockenschublade fällt bei mir der Groschen: Wir sind angekommen. Angekommen in unserer neuen Übergangswohnung, die uns für die nächsten acht Wochen als Zuhause dienen wird. Unser Zuhause in einer der wohl verrücktesten Zeiten unserer Welt und in unserer Ehe. 

Die letzten Wochen waren für mich vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt. Jeder Tag brachte andere Emotionen in mir hervor. Tobi und ich haben fast täglich neue Pläne geschmiedet, wie wir noch vor der Geburt nach Gran Canaria zurückkehren könnten.  Das ständige Suchen und Buchen und Umbuchen von Flügen und die Anstrengung beim Ausfüllen von spanischen Formularen brachte eine wilde Abfolge von Hoffnung und Enttäuschungen mit sich. So viel Unsicherheit in unserem Leben. In unserer Welt. Da fehlte es mir in so manchem Moment  an Optimismus. In all der Ungewissheit und den vielen schrecklichen Nachrichten, die täglich auf uns einprasselten, haben sich meine Augen manches Mal mit Tränen gefüllt und oft habe ich meiner Frustration durch ein lautes »Man ey!« Luft verschafft. Sicher ging es Einigen von euch ähnlich und ich befürchte, dass die letzten Wochen viele Dinge mit sich gebracht haben, auf die wir lieber verzichtet hätten: Unsichere Arbeitsplätze, Krankheitsfälle in der Familie oder von nahen Freunden, durckreuzte Pläne, das Gefühl von Einsamkeit, abgesagte Hochzeiten…

Eine Erfahrung, die ich aus den vergangenen Wochen mitgenommen habe ist, dass Kontrollverlust auch bedeuten kann, von Gottes passgenauem Krisenmanagement überrascht zu werden. Wie das? Indem ich gezwungen war, die Beine still zu halten und nicht in einen vorschnellen Aktionismus zu verfallen (wer mich kennt weiß, wie schwer mir das fällt), habe ich das Geschehen der kommenden Wochen an Gottes Management abgegeben. Wohnungssuche, Geburtsplan, Rückflug, … Natürlich mit der nachdrücklichen Empfehlung, wie ich mir die ganze Sache vorstellen würde, aber am Ende habe ich zu Gott gesagt: »Weil du das Beste daraus machen kannst.« Und das hat er gemacht: Heute sitze ich in einem lichtdurchfluteten Wohn-Ess-Schlafzimmer unserer  Wohnung und habe das pure Gefühl von Glück im Bauch. Glück, weil wir am Ende von unserer chaotischen Tour durch Corona-Deutschland ein temporäres Zuhause gefunden haben. Ein Geschenk von dreißig Quadratmetern Größe. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme und die Tage und Wochen hier in Deutschland nochmal neu erleben und genießen kann.

Beim Einzug in die zwischenzeitliche Wohnung in Iserlohn.

In meinem Leben habe ich mein Zuhause schon an vielen verschiedenen Orten gesehen. Karsruhe, Tübingen, Amsterdam, Las Palmas und jetzt gerade wohl Iserlohn. Zuhause ist scheinbar ein flexibler, dehnbarer Begriff. Was macht einen Ort für mich zu meinem Zuhause?  Ist es der Platz, an dem sich der Großteil meiner Unterhosen befindet? Oder der Ort, an dem ich den Staubsauger benutze? Zwei Punkte sind mir in der ersten Woche nach unserem Vagabungenleben aufgefallen, die unsere kleine Wohnung für mich zum »Zuhause«  werden lässt:

 

Gastfreundschaft  leben. 

Eine Sache, die mir in den letzten Wochen am meisten gefehlt hat war, andere Menschen bei uns willkommen zu heißen. Ihnen einen frischgebrühten Kaffe und Sitzplatz auf der Couch anzubieten und ein paar gemeinsame Stunden des Lebens zu teilen. Die Fürsorge und Gastfreundschaft, die Tobi und ich über die zwölf Wochen unserer Deutschlandreise erlebt haben, werden uns immer als eine sehr besondere Zeit in Erinnerung bleiben. So viele leckere Mahlzeiten, so viele gute Gespräche, so viele Tassen Kaffee und fröhliche Spaziergänge, die wir erleben durften.  Die gleichzeitig aber in mir die Sehnsucht geweckt haben, auch selbst mal wieder einen lieben Menschen einladen zu dürfen. Seit der Lockerung der Coronamaßnahmen bot sich mir die Möglichkeit, einige wenige Menschen in unsere neue Bleibe einzuladen. Mit jeder Tasse Kaffe die ich brühte, wurde meine Sehnsucht nach Gastfreundschaft in den ‚eigenen‘ vier Wänden  gestillt. 

Die ersten Kaffee- und Sofa-Besuchsmomente in unserer Iserlohner Wohnung:

 

Die Umgebung zur eigenen Westentasche machen.

Normalerweise ist es eine Lene-Tradition, noch direkt am Umzugs-Tag meine Laufschuhe aus dem Koffer zu ziehen und die neubezogene Wohnung auf der Suche nach einer guten Joggingstrecke zu verlassen. Durch das fortgeschrittene Stadium meiner Babykugel machte ich diese Erkundungstour zum ersten Mal im Spaziertempo. Was gleich blieb: Es macht so viel Freude, die Gegend um das neue Zuhause zu entdecken. Wie komme ich am schnellsten in die Natur? Wo ist der nächste Bäcker? Welche Cafés und Restaurants sollte ich in den kommenden Wochen/ Monaten besuchen und testen? Besonders fällt mir bei meinen Erkundungstouren in Iserlohn auf: Wir wohnen in einer Nachbarschaft, in der ein Haus schöner ist als das andere. Ein schnuckeliges Schwedenhaus steht neben einer pompösen Villa mit einem gigantisch angelegten Garten und auf der anderen Straßenseite ein modern minimalistischer Glasbau von irgendeinem unbekannten Stararchitekt.  Zu jedem dieser Häuser die passende Geschichte zu dichten und die passenden Bewohner zu erfinden ist  dabei der amüsanteste  Part unserer Stadtspaziergänge. Ich teste alle Trampelpfade, lande in so mancher Sackgasse und werde am Ende mit einer inneren Straßenkarte belohnt, die mir die Umgebung meines  neuen Zuhauses in alle Himmelsrichtungen vertraut macht.

Entdeckungen in der Umgebung :

 

Das Fazit: Wir genießen gerade unseren vorläufig sturkturierten Alltag, wir kaufen ein, worauf wir Lust haben, leben und haben sogar Spaß am Staubsaugen, feiern das nostalgisch entschleunigende Leben ohne Spülmaschine und ich hoffee, dass das aktuelle Glücksgefühl über unsere aktuelle Situation noch lange anhält…

Herzlichst,

LeneUnterschrift

1 comment

  1. Annette Lörz

    Iserlohn scheu sich zu lohnen! Freu mich auf den Besuch bei Euch! Die baldige Tripple Oma in großer Vorfreude!!

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