Was bleibt, wenn die Welt Kopf steht.

Wenn die Welt Kopf steht…
Heute morgen bin ich aufgewacht und der erste Gedanke in meinem Kopf war: »Ein weiterer Corona-Tag, der zu überstehen ist.« Nicht gerade ein motivierender Start in den Tag. Sicher ging es Einigen von euch innerhalb der letzten Wochen so, wie mir heute: Die Luft ist raus, der Wunsch nach der gewohnten Normalität wächst und man hat keinen Nerv für auch nur eine weitere Corona-Nachricht.
 
Gerade an solchen Tagen versuche ich die positiven Auswirkungen zu sehen, die dieses weltverändernde Virus mit sich bringt:
Die intensive Zeit, die wir mit unseren Eltern und Geschwistern verbringen können.
Die Leere auf den Autobahnen, die eine Fahrt von Karlsruhe nach Hemer ohne einen einzigen Stau in nur drei Stunden ermöglicht.
Sonnenuntergänge, die unverändert wundervoll sind.
Die Zeit, um endlich mal Projekte anzupacken, die schon viel zu lange aufgeschoben wurden – eine alte Kommode zu restaurieren zum Beispiel.
Die Plattformen und Technologien, die uns zu Verfügung stehen und  Telefonkonferenzen und Online Formate ermöglichen, um Freunde zu treffen und Gemeinschaft zu leben.
Der Zusammenhalt der weltweiten Gläubigen, die durch zahlreiche Gottesdienste und Initiativen als eine geistliche Einheit zusammenstehen.
Die Ruhe, die die Eile auf den sonst viel zu hektischen und überfüllten Straßen  ersetzt.

Doch über die letzten Tage ging in genau dieser äußeren Ruhe, meine innere Ruhe verloren. Ungeduld, Tatendrang, die Sehnsucht nach realer Gemeinschaft treiben mich rum. Ich merke, wie schwer es mir fällt, ein Leben mit minimaler sozialer Gemeinschaft zu führen und ich frage mich: Was bleibt, wenn Gemeinde ohne persönliche Kontakte stattfindet? Wie überstehen Freundschaften eine lange Zeit ohne gemeinsame Erlebnisse? Wie gestalten sich Beziehungen, wenn der soziale Lebensraum auf das Mindeste begrenzt ist?

Klar, auch Tobi und ich versuchen in dieser neuen Gegebenheiten eine Struktur aufzubauen. Wir setzten uns vormittags an unseren Spanisch-Kurs und versuchen so unser Sprachniveau aufrecht zu erhalten. Wir machen täglich Sport oder gehen spazieren. Sogar unsere geplanten Gottesdienstbesuche konnten wir dank Streaming und Videoaufnahmen durchführen. Es ist gerade genug Struktur, um nicht die Orientierung zu verlieren und die notwendigen Dinge auf entspannte Art geschafft zu bekommen.  Dennoch ist die Zeit hier in Deutschland nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Unsere Deutschlandtour mit Besuchen bei euch,  Freunden, unseren Großfamilien und wertvollen Spendern fiel zu größten Teilen ins Wasser. Aufgrund dieser außergewöhnlichen Situation hat sich auch unser Arbeitgeber dazu entschlossen, Kurzarbeit für alle aktuell in Deutschland tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beantragen. Dazu zählen auch Tobi und ich. Es erscheint uns verantwortlich, in dieser Ausnahmesituation an einem Strang zu ziehen und die Arbeit und Projekte der Allianzmission durch die Entscheidung zu unterstützen. Denn das Ausmaß dieser Krise mitsamt der finanziellen und wirtschaftlichen Herausforderungen ist einfach nicht absehbar. Wir sind dankbar für die Transparenz und Ehrlichkeit, mit der unsere Chefs an uns herangetreten sind und mit der wir als Mitarbeiter einen Konsens gefunden haben.  Wir sind dankbar dafür, dass die Auswirkung der Kurzarbeit uns finanziell vor keine große Herausforderung stellt und wir im Verlgeich zum Rest der Weltbevölkerung kleine Sorgen haben. Anders sieht das in den Ländern aus, in denen die Allianzmission mit den Ärmsten der Armen zusammenarbeitet. Wir hoffen und beten, dass besonders diese Menschen und Projekte von dem Virus weitgehend verschont bleiben. 

Was dennoch bleibt…
Um diesen Blogeintrag nicht zu dramatisch und melancholisch werden zu lassen, möchte ich erzählen, welche schönen Ereignisse wir in den  letzten Wochen erlebt haben.
 

Natur pur. Gott sei Dank, dürfen wir hier in Deutschland noch vor die Tür. Tobi und ich haben unseren geplanten einwöchigen Urlaub kurzerhand an einen der schönsten Flecken der Erde verlegt, der ohne Grenzübergänge zu erreichen ist und fernab von jeglichen Risikogruppen liegt: die Haukenweise. Ein Grundstück meiner Familie, das mitten im Pfälzer Wald liegt und zu dem weder Handynetze noch Corona Nachrichten durchkommen. Eine Feuerstelle, eine Frischwasserquelle, zwei Fischweiher und kilometerweite Wanderwege mitten in Gottes prächtiger Natur waren genau das, was wir in dem Trubel der letzten Woche brauchten. Wir haben also den Campingbus meiner Eltern mit den notwendigsten Dingen bestückt und sind für einige Tage abgetaucht. Schön, dass solche Orte ihren Charme auch in Krisenzeiten nicht verlieren und einen Rückzug bieten, um beim Wandern die Gedanken zu sortieren, beim Holzhacken die überschüssige Energie rauszulassen und sich bei einem glücklichen Fischfang  über die schönen Zufälle im Leben zu freuen.

Die Vorfreude auf unser Baby. Jede Woche wird mein Bauch größer und nach einer längst überfälligen Untersuchung steht fest: Der kleine Kerl ist rundum gesund und lässt sich von dem Chaos, das außerhalb seines Mikrokosmos herrscht, nicht aus der Ruhe bringen. Die Faszination, die ich in meiner Schwangerschaft empfinde, lässt mich fast täglich staunen. Die Tritte und Kniffe, die von Woche zu Woche kraftvoller werden, bestätigen mir, dass unsere Welt spätestens ab Juni sowieso Kopf gestanden hätte. Also nehmen wir diese unstetigen und herausfordernden Wochen als eine Art Trainingslager in den Disziplinen ‚Flexibel-bleiben‘ und ‚jeden-Tag-so-nehmen-wie-er-kommt‘.

Ostern fällt nicht aus. Auch wenn die Gottesdienste an Ostern zum ersten Mal seit Menschengedenken ohne Besucher stattfanden, die Osterfeuer auffallen mussten und das Suchen von Osternestern in Schichten gestaltet werden musste, bleibt die Tatsache von Ostern bestehen. Auch damals überschlugen sich die Ereignisse.
Erst die herbe Enttäuschung: Der erhoffte Messias hing am Kreuz und seine letzten Worte waren „Es ist vollbracht“. Was war denn bitte mit einem Tod vollbracht? Erstmal alle Hoffnung zerschlagen. Diese unerwartete Wendung der Geschehnisse auszuhalten, muss für die Jünger und die Menschen in Jerusalem unvorstellbar gewesen sein.
Dann die Überraschung „Das Grab ist leer – er ist auferstanden“ und Jesus begegnet quicklebendig seinen Freunden und auch einigen Zweiflern. Für viele Nachfolger und sogar einige römische Beamte wird dadurch deutlich: „Er ist wirklich Gottes Sohn.“

Darum feiern wir Ostern. Darum ist Ostern so wichtig. Darum ist Ostern der Grund, warum wir eine direkte Beziehung zu unserem Gott leben dürfen.

In einem (digitalen) Treffen mit unserer Gemeinde in Metzingen, wurde der Ostermorgen für uns ein besonderes Erlebnis, bei dem wir (fast) direkt in viele liebe Gesichter blicken konnten und ein virtuelles Abendmahl feierten. Anschließend genossen wir dann direkte Gemeinschaft mit der Familie um den vollgedeckten Tisch. Ostern mal anders, aber auch irgendwie schön.  

Wir sind euch so nah und irgendwie fühlen wir uns doch fern. Für die kommende Zeit und eure ganz persönlichen Herausforderungen, wünschen wir euch viel Kraft und Zuversicht. Wir sind mit unseren Gedanken und Gebeten oft bei euch.

LeneUnterschrift

1 comment

  1. Ulli Klein

    Hallo Ihr Lieben,
    na, da fehlt ja diesmal wirklich ein bisschen Begeisterung – verständlich. Bisschen ausgebremst. Aber das sind wir auch. Wir machen das Beste daraus, feiern Balkonparties (natürlich nur in kleineren Gruppen), Werkeln, schlafen viel und erholen uns, machen lauter Dinge, die schon lange brach liegen und träumen von zukünftigen, hoffentlich wieder aktiveren Zeiten. Wie schön, dass ihr wenigstens an schönen Familienorten stranden konntet und Kraft für die unsichtbaren Zeiten schöpfen könnt.
    Volker hat ja gekündigt und nun sind wir „vogelfrei“ und gespannt auf die nächste Etappe. Jetzt wären wir eigentlich in der Türkei auf dem Lykischen Pfad unterwegs (unser Flug wurde wie eurer auch gecancelt) und der nächste Traum wäre eine Reise nach Georgien und Armenien mit der Schnecker. Schauen wir mal, ob das dann klappt. Wir nutzen unsere Kraft, um die Menschen um uns herum zu motivieren, aufzuheitern, Positive Gedanken und Stimmung zu verbreiten – Mut machen!
    Bis jetzt geht es uns gut, Volker hat noch genügend Projekt im Köcher und genießt gerade seine neuen Boxen (die alten aus FFO für Euro 50 haben leider den Geist aufgegeben), die er sich sozusagen selbst geschenkt hat. Schade, dass ihr so weit weg seid. Er würde euch glatt auf unser Sofa zu einem Soundcheck und einer Tasse Café einladen. Es gibt aber auch schöne Nachrichten. Argie und Fran haben schon einen neuen Prüfungstermin und können ihren Facharzt abschließen. Eventuell darf die Mutter auch noch nach Honduras ausreisen. Irgendwie wiederholt sich eure Geschichte.
    Aber wir sind gesund und munter, haben ein Dach über dem Kopf, genügend Geld, Freunde, die Sonne scheint … was will frau eigentlich mehr? Also, wenn ihr Langeweile habt meldet euch einfach und wir richten einen virtuellen Raum ein, um eine Runde zu schnacken. Ich lerne ja schon ein paar Brocken Spanisch mit den Menschen aus Honduras. Eine schöne Sprache …
    Ich sende euch Sonne aus Leipzig und wünsche euch eine gute Zeit mit viel Gelassenheit, leben im Jetzt und Hier, Vorfreude auf das was kommt, auch wenn ihr es nicht konkret seht – vertrauen!!!
    In diesem Sinne – seid gesegnet.
    Ulli mit Volker

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